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Die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg Die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg
00 /06 Die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg

In Antwerpen finden mehrere großen Razzien statt.

Das Naziregime, das Anfang der 1930er Jahre in Deutschland die Macht ergreift, erklärt sich öffentlich für antisemitisch und trifft eine Menge antijüdischer Maßnahmen. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Frühjahr 1940 in Belgien dauert es deshalb nicht lange, bis die Besatzer auch hier in schneller Folge erste antijüdische Verordnungen zur Registrierung und Identifizierung erlassen und viele Verbote und stigmatisierende Maßnahmen wie das Tragen des Judensterns einführen. Nach dem Ausschluss vom wirtschaftlichen Leben folgt letztendlich die Deportation. Viele Tausende Antwerpener Juden überleben den Krieg nicht. Die Besatzer bringen sie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Antwerpener Polizei und die Stadtverwaltung spielen dabei eine ganz besondere Rolle. Sie beteiligen sich mehrmals aktiv an den großflächigen Razzien im Sommer und Herbst 1942. Juden, die dem Grauen entfliehen können, leben in fortwährender Angst. Einige tauchen unter, anderen gelingt es, das Land zu verlassen, und wieder andere schließen sich der Widerstandsbewegung an. Während die Verhaftungen und der Verrat unerbittlich weitergehen, organisieren sich die Juden und Widerstandskämpfer. Manchmal können sie sich dabei auf die Unterstützung und Solidarität von Nachbarn, Freunden oder Kollegen berufen.

Die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg (Für Untertitel: Klicken Sie (bitte) auf Einstellungen im Video)

DIE ANTWERPENER JUDEN VOR DEM KRIEG

Es lebt bereits seit eh und je eine jüdische Gemeinde in Antwerpen. Ab Ende des 19. Jahrhunderts gewinnt sie durch Migranten aus Osteuropa starken Zuwachs. Auch in der Zwischenkriegszeit steigt die Anzahl weiter. Vor allem Ende der 1930er Jahre kommen viele Juden nach Antwerpen, die vor dem Antisemitismus in Nazideutschland fliehen. Historiker schätzen, dass sich am Vorabend des Krieges rund 35.000 Juden in Antwerpen aufhalten. Die meisten von ihnen sind Ausländer, die nicht die belgische Nationalität besitzen.

Von einer einheitlichen jüdischen Gemeinschaft kann in Antwerpen kaum die Rede sein. Man trifft in der Stadt nicht nur auf viele Nationalitäten und Sprachen, sondern auch auf verschiedene jüdische Kulturen, die ihre Religion auf eigene Weise ausüben. Der Zusammenhalt der Juden untereinander ist jedoch ungebrochen. Das beweißt u. a. die sogenannte „Zentrale”: ein von den Juden selbst eingerichteter Dienst für soziale Unterstützung. Am Vorabend des Krieges gibt es in Antwerpen 3 Synagogen und 8 Gebetsstätten. Vor allem das orthodoxe Judentum ist in Antwerpen stark vertreten.

Konzentration

Wie sich heute noch gut feststellen lässt, wohnen die Juden auch während des Zweiten Weltkriegs vor allem in einem ganz bestimmten Viertel - und zwar in den Straßen in der Umgebung des Hauptbahnhofs -, das auch als „Judenviertel” (6. und 7. Bezirk) bekannt ist. Die meisten Juden, die außerhalb des Bezirks Antwerpen-Stadt wohnen, leben in den Vororten Berchem und Borgerhout. Auch in professioneller Hinsicht kann man von einer gewissen Konzentration in bestimmten Berufszweigen sprechen. Die jüdische Bevölkerung arbeitet überwiegend in der Diamanten-, Textil- oder Möbelbranche. 

Wachsender Antisemitismus

Genau wie an anderen Orten in Europa wächst in den 1930er Jahren auch in Belgien der Antisemitismus. Er nimmt aber nicht so extreme Formen an wie in Nazi-Deutschland, wo im November 1938 in der sogenannten „Kristallnacht” unter den Augen eines breiten Publikums öffentlich Gewalt gegen Juden und jüdische Einrichtungen ausgeübt wird. In Belgien findet der Antisemitismus vor allem in bestimmten katholischen, belgisch-nationalistischen Kreisen wachsenden Zuspruch. So beschließt beispielsweise die „Vlaamse Conferentie der Balie van Antwerpen” – ein Verband flämisch gesinnter Antwerpener Anwälte – bereits in den Jahren 1938-1939, jüdische Rechtsanwälte aus dem Verband auszuschließen. Zwei Jahre später entlässt der Antwerpener Vorstand der Anwaltskammer 17 jüdische Kollegen und Referendare.

Die antijüdische Haltung wird auch von mehreren Zeitschriften und politischen Gruppen vertreten und verbreitet. Die bekannteste Organisation dieser Art ist die „Volksverwering“ unter der Leitung des Rechtsanwalts René Lambrichts.

Foto links: Antisemitische Bahnfahrkarten werden vor dem Krieg bei Juden in den Briefkasten gesteckt - © Sammlung Stadtarchiv Antwerpen
Foto Mitte: Juden reagieren mit einer eigenen Bahnfahrkarte - © Sammlung Stadtarchiv Antwerpen
Foto rechts: Die Gruppe „Volksverwering” ist der Anstifter dieser Aktion - © Sammlung Stadtarchiv Antwerpen

ANTIJÜDISCHE VERORDNUNGEN UND MASSNAHMEN

Im Oktober 1940 verkündet die deutsche Militärverwaltung die ersten jüdischen Maßnahmen. Die 18. und letzte jüdische Verordnung wird Ende September 1942 erlassen. In diesen zwei Jahren können mehrere Phasen unterschieden werden: Zuerst müssen sich alle Juden registrieren lassen. Danach folgt der Ausschluss aus dem wirtschaftlichen und öffentlichen Leben. Später werden die Juden dann isoliert, gezählt und sogar „gekennzeichnet”. Zum Schluss folgt die Deportation.   

Eine kurze Übersicht der antijüdischen Vorschriften und einiger anderer Maßnahmen belegt die systematische Vorgehensweise der Besatzer:

  • 23. Oktober 1940
    Das rituelle Schlachten wir verboten
  • 28. Oktober 1940
    • Juden, die das Land während des Einmarsches verlassen haben, dürfen nicht mehr nach Belgien zurückkehren.  
    • Es wird festgelegt, wer Jude ist.
    • Alle Juden über 15 Jahre werden im Judenregister registriert.
    • Jüdische Unternehmen werden dazu verpflichtet, ihr Vermögen anzugeben.
    • Jüdische Gaststättenbetriebe werden dazu verpflichtet, ein Schild anzubringen, auf dem „jüdisches Unternehmen” steht. 
    • Jüdische Mitarbeiter werden aus öffentlichen Ämtern (Lehrer, Anwälte, Journalisten usw.) entlassen. 
  • Dezember 1940 – Februar 1941:
    3.000 Antwerpener Juden und Ausländer werden nach Limburg gebracht und dort zur Zwangsarbeit für die Besatzungsmacht verpflichtet.
  • 31. Mai 1941
    Juden sind ab dann dazu verpflichtet, ihre Immobilien, Bankkonten, Aktien und anderen Wertpapiere bei den deutschen Behörden anzugeben. Jüdische Unternehmen werden fortan von Deutschen verwaltet.
  • 29. Juli 1941
    Die Einwohnermeldeämter werden dazu verpflichtet, auf den Personalausweisen anzugeben, ob der Inhaber „Jood/Juif” (Jude) ist.  
  • 29. August 1941
    Es ist den Juden verboten, zwischen 20 Uhr abends und 07 Uhr morgens ihre Wohnung zu verlassen. Sie dürfen auch nur noch nach Brüssel, Antwerpen, Lüttich oder Charleroi umziehen.
  • 25. November 1941
    Auf Befehl der Militärverwaltung wird in Belgien die Jüdische Vereinigung gegründet. Alle jüdischen Einwohner werden dazu verpflichtet, sich ihr anzuschließen. Die Tagesgeschäfte übernehmen jüdische Honoratioren. Ihre Arbeit wird vom Innenminister und den Besatzern überwacht. Sie erhalten dadurch die Möglichkeit herauszufinden, wo sich Juden in Antwerpen aufhalten, und können sie später dann leichter verhaften.
  • 01. Dezember 1941
    Jüdische Kinder dürfen keine nichtjüdischen Schulen mehr besuchen.
  • 17. Januar 1942
    Juden dürfen das belgische Grundgebiet nicht mehr ohne deutsche Genehmigung verlassen.  
  • 11. März 1942
    Juden werden von den Besetzern zur Zwangsarbeit verpflichtet.
  • März-April 1942
    Zur Vorbereitung der Deportationen findet die dritte Judenzählung statt.
  • 22. April 1942
    Das Vermögen der in Belgien wohnenden Juden deutscher Nationalität wird konfisziert.  
  • März – April 1942
    Alle Juden werden dazu verpflichtet, rohe und geschliffene Diamanten bei der „Diamantenkontrolle” der Besatzer anzugeben. Unternehmen, die sich dieser Einrichtung angeschlossen haben, werden gezwungen, ihren Betrieb einzustellen.
  • 08. Mai 1942
    Die Rechte der Juden auf dem Arbeitsmarkt werden stark eingeschränkt.  
  • 01. Juni 1942
    Es ist Juden verboten, medizinische Berufe auszuüben.
  • 01. Juni 1942
    Juden müssen einen Judenstern tragen.
  • Frühling 1942
    Nichtbelgische Juden werden von den Besatzern zur Zwangsarbeit verpflichtet. Innerhalb von vier Monaten werden rund 1.500 Antwerpener Juden zur Zwangsarbeit nach Nordfrankreich geschickt.
  • Mitte Juli 1942
    Juden erhalten einen „Einsatzbefehl“ mit der Aufforderung, sich in der Kaserne Dossin zum Arbeitsdienst zu melden. 
  • 22. und 23. Juli 1942
    Beginn der Razzien in Antwerpen.

Bei der Durchführung einiger dieser Verordnungen berufen sich die Besatzer auf die aktive Mitarbeit der Gemeindeverwaltungen. In Antwerpen verläuft das ziemlich reibungslos. Aus historischen Studien geht hervor, dass der Stadtrat, die Stadtverwaltung und die örtlichen Polizeibehörden den Besatzern entgegenkommen und sich den Anordnungen fügen. Wenn die Besatzer es von ihnen erwarten, liefern sie die nötige Unterstützung und zwar sowohl bei Razzien, als auch beim Erstellen der Judenregister, dem Verteilen der Einsatzbefehle zum Arbeitsdienst, dem Anbringen des Vermerks „Jude” in den Personalausweisen und der Begleitung der Juden zum Bahnhof, die zum Arbeitsdienst nach Limburg und Nordfrankreich geschickt wurden. 

Aufnahme in das Judenregister

Aufnahme in das Judenregister - © Sammlung Stadtarchiv Antwerpen

GEWALT IM ÖFFENTLICHEN RAUM

Im Sommer 1942 ist die Lebenswelt der Juden in Antwerpen sehr eingeschränkt. Einige verlassen deshalb das Land, anderen fehlen jedoch die Mittel dazu. Sie warten und hoffen auf bessere Zeiten. Inzwischen ist die jüdische Bevölkerung auch immer häufiger physischer Gewalt ausgesetzt.

In den Antwerpener Polizeiberichten sind viele Beispiele von Juden aufbewahrt, bei denen eingebrochen wurde, die belästigt, bestohlen, bedroht und oft auch geschlagen wurden. Das bekannteste Beispiel öffentlicher Gewalt gegen Juden findet am Ostermontag 1941 im 6. Bezirk, dem „jüdischen” Viertel in der Umgebung des Hauptbahnhofs, statt. Nach einer Vorführung des Propagandafilms Der ewige Jude, die die radikale antijüdische Gruppe Volksverwering veranstaltet hatte, eingleist die Masse. Es sind sicher 200 Antwerpener und Deutsche dabei. Sie zerstören das Haus eines Rabbiners und legen Feuer in den Synagogen in der Van Den Nestlei und der Oostenstraat. Sie schlagen alles kurz und klein und behindern die Löscharbeiten der Feuerwehr. Außerdem werden im Judenviertel viele Fenster eingeworfen.

Gewalt gegen Juden am Ostermontag 1941 - © Sammlung SegeSoma/Reichsarchiv

Beginn der Razzien in Antwerpen

DIE RAZZIEN IM SOMMER 1942

Im Zweiten Weltkrieg fahren insgesamt 28 Transporte aus Belgien ab. Fast alle gehen ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Insgesamt rund 25.250 Juden und 352 Zigeuner werden deportiert. Nur 1.251 von ihnen überleben. Die Züge fahren an der Kaserne Dossin in Mechelen ab. 17 dieser 28 Transporte werden in der kurzen Zeit zwischen dem 4. August und dem 31. Oktober 1942 durchgeführt und bringen rund 10.000 Juden ins Konzentrationslager. Die meisten von ihnen werden bei Razzien verhaftet. Nur schätzungsweise 55 % der in Belgien registrierten Juden überleben den Krieg.

Auch in Antwerpen finden im Sommer 1942 mehrere Razzien statt. Abhängig davon, wie gezählt wird, sprechen die Historiker von 5 Razzien. In Antwerpen kommt die politische Elite (Bürgermeister Delwaide, Hauptkommissar De Potter und Prokurator Edouard Baers) den Besatzern dabei stärker entgegen als in anderen Städten Belgiens und auch die örtliche Polizei beteiligt sich aktiv an den Razzien.

5 großflächige Razzien

Die ersten Razzien finden am 22. und 23. Juli 1942 statt. Deutsche Beamte der Sicherheitspolizei verhaften in diesen Tagen mehrere Hundert Juden, die aus Brüssel im Antwerpener Hauptbahnhof ankommen. Eine ähnliche Aktion findet in der angrenzenden Pelikaanstraat statt.

Die zweite und die dritte Razzia werden am 13., 14. und 15. August durchgeführt. In der Nacht vom 13. auf den 14. August nehmen deutsche Polizisten rund 206 Juden mit, darunter auch 53 kleine Kinder. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Juden aus Osteuropa. Einen Tag später findet erneut eine großflächige Judenrazzia statt. Dabei arbeitet zum ersten Mal auch die Antwerpener Polizei öffentlich mit. Antwerpener Polizisten beteiligen sich an den Straßensperrungen und begleiten die Juden zu den Lastwagen. Deutsche Polizisten dringen in die Häuser ein und schleifen die Bewohner auf brutale Weise nach draußen. Die Aktionen dauern die ganze Nacht. Es werden dabei schätzungsweise 845 Juden mitgenommen. Bürgermeister Delwaide und Prokurator Baers hüllen sich in Schweigen. Sie reagieren nicht auf die Ereignisse, obwohl sie durch die Polizeiberichte in aller Form darüber informiert werden.

Die vierte Razzia findet in der Nacht vom 28. auf den 29. August statt. Normalerweise sollte sie bereits am Vortag, d. h. am 27. August, durchgeführt werden, aber die Deutschen blasen die Aktion im letzten Augenblick ab. Anscheinend hatten einige Polizisten die Juden gewarnt. Als Strafe für die Sabotage am Vortag erhält die Antwerpener Polizei jetzt eine aktivere Rolle bei der Aktion. Sie muss selbst 1000 Juden aufgreifen. Hauptkommissar De Potter erteilt der Polizei ohne mit der Wimper zu zucken den Befehl, dass diese Aufgabe erledigt werden muss. Mancherorts weigern sich Polizeibeamte, andere drücken ab und zu ein Auge zu. Wo nötig werden andere Einheiten zur Verstärkung eingesetzt. In jedem Polizeibezirk müssen 250 Juden verhaftet und dann in Schulen in der Grote Hondstraat (Zurenborg) und der Vinçottestraat (Borgerhout), sowie ins Kino Cinema Plaza (Gallifortlei, Deurne) gebracht werden. Am nächsten Vormittag fahren die Lastwagen dann zur Kaserne Dossin. Die zuständigen Antwerpener Instanzen reagieren wieder nicht.  

Die fünfte große Razzia findet am 11. und 12. September statt. Die Besatzer rechnen an diesem Tag nicht mehr mit der Unterstützung des Antwerpener Polizeikorps. Trotzdem helfen einige Polizisten ihren deutschen Kollegen bei dieser Aktion und sammeln die Juden an bestimmten Stellen in der Stadt. Ab und zu werden sie sogar in den Straßen aufgegriffen. Diese Razzia verläuft offensichtlich nicht ganz systematisch, sondern eher zufallsorientiert, ist aber trotzdem sehr erfolgreich. Die Besatzer nehmen 679 Juden mit.  

Foto links: Innenhof der Kaserne Dossin im Sommer 1942 
Foto rechts: Liste mit den Namen verhafteter Juden

WAS GESCHIEHT NACH 1942?

In den Tagen, Wochen und Monaten nach den Razzien gehen die Aktionen weiter. Ab September 1942 rechnen die Besatzer dabei nicht mehr mit der aktiven Unterstützung der Antwerpener Polizei. Sie ändern ihre Taktik und berufen sich bei ihren Aktionen nur noch auf die deutschen Polizeidienststellen und deren Handlanger.

Um die vielen Juden zu finden, die untergetaucht sind, dringen die deutschen Polizisten mit Hilfe von Antwerpener Judenjägern in Gebäude ein, in denen die Lebensmittelkarten verteilt werden, die jeder Antwerpener benötigt. Zwischen dem 22. und 25. September finden einige dieser Aktionen im Stadtfestsaal auf der Meir, im Rathaus in Borherhout und im Gymnasium in Deurne statt. Den Beamten gelingt es anhand der Lebensmittelkarten, die Aufenthaltsorte der Juden ausfindig zu machen. 760 Juden landen dadurch in der Kaserne Dossin. Nach dieser Aktion wurden bereits circa 4.000 Antwerpener Juden abtransportiert.

Auch später, d. h. ab Anfang 1943, führen die Besatzer weiter Suchaktionen und Verhaftungen im kleinerem Maßstab durch und können sich dabei immer noch auf die treue Unterstützung einer Gruppe örtlicher Antwerpener Mitarbeiter, Informanten und Verräter berufen. Letztere bilden ein wichtiges Instrument bei der Suche nach untergetauchten Juden. Auch in der Zeit nach den großen Razzien im Jahr 1942 werden noch mehrere Tausend Juden verhaftet.  

Diebstahl, Erpressung und leerstehende Häuser

Die verhafteten Juden müssen alles, was sie besitzen, zurücklassen. In einigen Fällen dürfen sie ein paar persönliche Sachen, Kleider und Proviant mitnehmen. Das gleiche widerfährt den Juden, die untertauchen oder fliehen. Obwohl sie manchmal etwas mehr Zeit zur Vorbereitung haben, können auch sie kaum etwas dagegen tun. Häuser, Wohnungen und Zimmer von Juden stehen leer. Einige Vermieter, Nachbarn oder „Hausverwalter” stehlen ihre Sachen. Judenjäger und deutsche Polizisten bereichern sich auf diese Weise und auch einige Antwerpener nehmen Teile des Hausrats mit oder ziehen sogar in leerstehende Häuser ein. Die Einbrüche werden schon bald zu einer echten Plage.

Aktion Iltis

Am 3. und 4. September 1943 organisieren die deutschen Polizeibehörden eine letzte große Razzia in Antwerpen, die im Rahmen der sogenannten „Aktion Iltis” durchgeführt wird. Die deutschen Polizisten und ihre Mitarbeiter haben es dabei im Gegensatz zu früheren Judenrazzien auf belgische Juden abgesehen. In Groß-Antwerpen werden noch einmal 432 Juden verhaftet. Danach erklären die Besatzer Antwerpen offiziell für „judenrein”. 

Ausweis von Sara Rebecca Diamant Akselrode

Die Antwerpenerin Sara Rebecca Diamant Akselrode war eines der Opfer der Aktion Iltis - © Kaserne Dossin

DIE ANTWERPENER LAGE IM KONTEXT

Historiker, die die Judenverfolgung in Belgien untersuchen, sprechen von einer „Antwerpener Besonderheit” und wollen damit sagen, dass das Risiko, deportiert zu werden, für die jüdische Bevölkerung in Antwerpen aus verschiedenen Gründen größer war als anderswo in Belgien (Brüssel, Lüttich, usw.). Wie viel Prozent der Antwerpener Juden genau von der Besatzungsmacht in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebracht wurden, lässt sich nur schwer feststellen und wird noch untersucht. Der Historiker Lieven Saerens, der sich intensiv mit der Antwerpener Besonderheit beschäftigt hat, spricht von 65 bis 68 %. Noch laufende Untersuchungen der Kaserne Dossin bestätigen, dass die Zahl der Deportierten in Antwerpen höher liegt als der Landesdurchschnitt von 45 %. Aus vorläufigen Untersuchungsergebnissen geht jedoch hervor, dass die Zahl wahrscheinlich doch unter 65 bis 68 % liegt. Aus Saerens’ Berechnungen lässt sich schließen, dass ungefähr 10.000 Juden aus dem Raum Antwerpen den Krieg nicht überlebt haben.

 

REAKTIONEN AUF DIE VERFOLGUNG

Aufgrund der deutschen Verfolgungspolitik entscheiden sich viele Juden, zu fliehen oder unterzutauchen und sind dadurch in Bezug auf Versorgung, Unterbringung und Überleben vollständig von anderen abhängig. Schätzungsweise 15.000 Juden, die sich in Belgien aufhalten, gelingt es, nach dem Sommer 1942 noch unterzutauchen oder zu fliehen.

Die Unterstützung von Umstehenden ist im Sommer 1942 begrenzt und besteht hauptsächlich aus unstrukturierten und meist individuellen Initiativen von Nachbarn, Bekannten und Freunden, die oft aus Nächstenliebe oder Solidarität helfen. Sie bringen die Verfolgten unter, helfen ihnen dabei, unterzutauchen und zu fliehen, oder betreuen ihre Kinder. Wieder andere versuchen ihr Scherflein durch finanzielle Unterstützung oder Lebensmittel beizutragen.

Aufgrund der Geschwindigkeit, mit der die Aktionen im Sommer 1942 durchgeführt werden, kommt die Hilfe aus der belgischen Bevölkerung für viele Juden zu spät. Ein Großteil der Aktionen findet erst nach den Razzien statt. Nach Einführung der Zwangsarbeit durch die Besatzer am 6. Oktober 1942 und einigen wichtigen deutschen Niederlagen im selben Jahr sowie Anfang 1943, nimmt die antideutsche Haltung nach und nach zu.

Die steigende Anzahl von Hilfsaktionen wird allmählich in die bestehenden Widerstandsbewegungen integriert. Die Unabhängigkeitsfront (OF) ist dabei am aktivsten. Die Gruppe rekrutiert Mitglieder in linken und antifaschistischen Kreisen und arbeitet am häufigsten mit den jüdischen Widerstandskämpfern zusammen. Die OF und andere Netzwerke für die Untergetauchten besorgen den Juden falsche Papiere und versuchen, jüdische Kinder aus Antwerpen zu schmuggeln und in abgelegene Gebiete in den Kempen, Flämisch-Brabant und den Ardennen zu bringen. Auch einige katholische und andere religiöse Einrichtungen versuchen, jüdische Kinder in ihren Gebäuden zu verstecken. 

Jüdischer Widerstand

Die Antwerpener Juden nehmen ihr Schicksal nicht widerstandslos hin. Sie versuchen, sich zu organisieren, was jedoch nicht immer ganz einfach ist. Immerhin wurden viele Juden bereits deportiert. Die Juden aus kommunistischen Kreisen werden zuerst aktiv und gründen schließlich die Widerstandsgruppe „Jüdisches Verteidigungskomitee”. Das Komitee besteht bereits seit dem Sommer 1942 und wird später Teil der Unabhängigkeitsfront. Es gelingt ihm, Juden aus verschiedenen politischen Lagern für sich zu gewinnen und in ganz Belgien Tausende von Juden zu retten. Vor allem in Brüssel und Charleroi ist das Komitee sehr stark. In Antwerpen hingegen wird die erste vollwertige Abteilung erst 1943 gegründet. Die Mitglieder organisieren Hilfe, besorgen Adressen, unter denen man untertauchen kann, und beschaffen Lebensmittel und Geld. Protagonisten dieses jüdischen Widerstandskerns in Antwerpen sind Abraham Manaster, Josef Sterngold und Leopold Flam.

Porträtfoto des jüdischen Widerstandskämpfers Josef Sterngold 1943

Der jüdische Widerstandskämpfer Josef Sterngold 1943 - © Stadtarchiv Antwerpen
 

DIE RÜCKKEHR NACH DEM KRIEG

Die deutsche Verfolgungspolitik trifft die Antwerpener Juden sehr schwer. Die Mehrheit überlebt den Krieg nicht. Wer die Lager doch überlebt hat, ist gebrochen und leidet physisch und mental schwer unter den Folgen. Das menschliche Leid ist enorm. Alle haben Verwandte, Freunde oder Bekannte in Auschwitz-Birkenau verloren und im Bezug auf die Hinterbliebenen herrscht große Ungewissheit. In den ersten Tagen, Wochen und Monaten nach der Befreiung gibt es kaum Informationen.

Die jüdische Gemeinschaft versucht, sich im „Komitee zur Verteidigung der jüdischen Interessen” zu organisieren. Das Komitee sammelt Informationen, regelt die Unterbringung und bietet den Rückkehrern Unterstützung an. Die praktischen Probleme sind groß. Häuser, Wohnungen und andere Besitztümer wurden häufig von anderen Mietern oder Bewohnern übernommen. Oft ist der vollständige Hausrat verschwunden. Geld und andere Dinge sind unauffindbar. Das Komitee setzt sich beim Staat für Unterstützung ein.

Trotz allem blüht in Antwerpen allmählich das jüdische Leben wieder auf. Auch viele „neue” Juden lassen sich in der Nachkriegszeit in Antwerpen nieder.

Foto des niederländischen Juden Emile Vos. Auf seinem Arm befindet sich eine Tätowierung aus dem Lager.

Der niederländische Jude Emile Vos wird in der Nacht des 28. August 1942 verhaftet. Er überlebt das Lager.

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